oloriel: (wordage is our business)
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Da ist mir aufgefallen, ich schulde euch ja quasi noch eine Auswertung meiner wunderbaren Umfrage am 13.5.!

Wo ihr doch so schön mitgespielt habt.

Also, schaun wir mal, was dabei herumgekommen ist. (Meine Analyse wird knapp, unwissenschaftlich und wahrscheinlich größtenteils total langweilig.)
Wenn die Prozentzahlen mit der Grafik in der ursprünglichen Umfrage nicht übereinstimmen, dann liegt das daran, dass ich die Kommentare mit dazugerechnet habe.



Wie hießen die Kartoffeln bei dir zu Hause?

Die absolute Mehrheit (56,2%) ist zumindest teilweise mit dem hochdeutschen Begriff aufgewachsen; alternativ wurden diverse dialektale Varianten von „Erdäpfel“ oder „Krumbeeren“ verwendet. Zudem wurden Kurzformen von „Kartoffel“ (Toffel, Tuvvel) genannt.
Für Tüften, Potacken, Solanellen oder sonstige Spezialformen fühlte sich niemand verantwortlich. ;)

Und die frittierten Stäbchen, die man daraus macht?

„Pommes“ ist klar die bevorzugte Form mit überwältigenden 70,6% der Stimmen. 2 Personen sprechen von „Pomm Fritt(s)“ und 2 von „Fritten“, wobei eine angibt, „Fritten“ bevorzugt zu sagen, um ihre Mutter zu ärgern. Meine Vermutung, dass es an den Übergängen der Bundesrepublik nach Belgien und in die Niederlande verstärkt zum „Fritten“-Konsum kommt, ließ sich leider nicht bestätigen.

Bist du mit einem Dialekt aufgewachsen?

41,2% sind davon überzeugt, lupenreines Hochdeutsch zu sprechen, während 29,4% angeben, dass sie zwar lange glaubten, dialektfrei zu sein, diese Überzeugung aber mittlerweile verloren haben. Weitere 29,4% sind stolze Dialektsprecher. Erstaunlicherweise (für mich jedenfalls) ist unter den Befragten niemand mehr, dem Eltern, Lehrer oder sonstige Erziehungsbeauftragte den Dialekt abgewöhnen wollten (ob erfolgreich oder nicht).

Falls du deinen Heimatdialekt beherrschst: Wie klingt bei dir zuhause das Wort „Zeit“?

Knappe 70% sprechen die Zeit genauso aus, wie man sie schreibt. Weitere 12,5% haben ebenfalls ein Z am Wortanfang, machen dann aber anders weiter; 12,4% würden das Wort mit einem T beginnen; und bei einer Befragten können die Sprecher sich nicht entscheiden, auf welcher Seite der Benrather Linie sie denn nun stehen, und verwenden sowohl Varianten von „Zeit“ als auch Varianten von „Tide“.

Der possessive Dativ…

Die erste Streitfrage!
Die Mehrheit (53%) spricht sich dafür aus, doch bitte den Genitiv zu verwenden, wobei zwei der Befragten sogar die Sprache durch den fälschlich verwendeten Dativ bedroht sehen. Die übrigen 47% sind da wesentlich entspannter, wobei zwei Personen darauf hinweisen, dass auch das bekanntermaßen nicht mehr ganz frische Latein nicht am possessiven Dativ eingangen ist und eine feststellt, dass der possessive Dativ sogar ganz hervorragend in die DP-Struktur passt. (Ich glaub ihr das; Syntax ist nicht mein Feld!)

(Ge-)Wissensfrage! „gegenüber des Hauses“ ist…

… eine gute Gelegenheit, festzustellen, wie weit verbreitet Irrtümer sein können.
Eine knappe, aber absolute Mehrheit hält „gegenüber des Hauses“ für grammatikalisch richtig –
ist es aber nicht. Die Faustregel lautet: deswegen, aber demgegenüber. Nur 47,1 % hätten das gewusst.
Man sieht also: Manchmal tut auch der Genitiv des Dativs Weh…

(„gegenüber des Hauses“ ist sogar falscher als „wegen dem Stau“.)

Wie ist das mit „als“ und „wie“?

Hier outet sich nur eine Person als überzeugter „größer wie“-Sager, der Rest hält sich an die Trennung von „als“ und „wie“ und setzt die beiden Worte treffsicher nach den gegenwärtig gültigen Standards ein.

Ey, gehst du Sport oder hast du Rücken?

Bei 58,8% der Befragten stoßen derlei Konstruktionen auf Ablehnung; 23,5% zeigen zumindest Verständnis für ihre Existenz, und 17,6% geben an, dass sie einen gewissen Kult-Charakter haben.

Hand aufs Herz: Wie hört sich das „keinen“ in „Ich habe keinen Bock“ an, wenn du es sagst?

Hier wird es spannend! Nur 23,5 % der Befragten gaben an, dass sie sich tatsächlich die Mühe machen, auch das Schwa auszusprechen. Inwiefern das mit den 41,2% Hochdeutschsprechern kompatibel ist, ließe sich jetzt diskutieren. 70% sagen stattdessen „kein“, wobei mich vier berechtigterweise darauf hingewiesen haben, dass es streng genommen „keinn“ sein müsste, da zwar das Schwa fehlt, das „n“ aber bewusst gelängt und silbentragend ausgesprochen würde. Eine weitere Person würde statt „kein“ eher „goin“ sagen, aber jedenfalls nicht „goinen“.
Auf die Sache mit der n-Längung spielte letztlich aber auch Option 3 („keim“) an: Wäre das „n“ am Ende von „kein“ ein einfaches „n“ ohne Längung oder Betonung, würde es ziemlich wahrscheinlich leicht vom bilabialen Plosiv am Anfang von „Bock“ assimiliert und somit als „m“ ausgesprochen. Dies ist aber bei keinem der Befragten der Fall, was zeigt, dass auch denen, die das „-en“ nicht sprechen, klar ist, dass sie es hier nicht mit einem Nominativ zu tun haben.
Zwei der Befragten würden ohnehin niemals „kein(e)n Bock“ sagen und konnten sich auch keinen Alternativsatz (z.B. „Ich besuch(e) mein(e)n Bruder“) ausdenken.

Und das „kann man“ in Sachen wie „Das kann man so machen“?

Auch hier spielt Assimilation eine Rolle. Bei dieser Frage stimmt die Anzahl der Hochdeutschsprecher von oben wieder eher mit der Anzahl derer, die liebevoll zwischen „kann“ und „man“ trennen, überein (47,1%). Die Mehrheit schenkt sich diese Unterscheidung aber und lässt das „kann“ fließend ins „man“ übergehen, wobei das „nn“ gnadenlos labialisiert wird. Mehrfachnennungen waren möglich, so dass „kamman(n)“ zwar mit 52,9 % klar vorne liegt, aber immerhin ein Viertel aller Teilnehmer auch „kamma/kammer“ angab. Hier ist offenbar eine große Variation möglich. Dies zeigt sich besonders in einer Antwort, nach der die gleiche Sprecherin jede der Varianten benutzen würde – abhängig von Betonung und Umgebung.

Noch mal ehrlich: Wie sprichst du den ersten Vokal beim weiblichen Kind oder dem Milchprodukt aus?

Wenig Überraschendes hier. Die Mehrheit sagt „Mädchen“ und „Käse“, wie man es schreibt; die übrigen 29,4% sagen eher „Medchen“ oder „Kese“. Die bayrische Variante hat niemand gewählt.

Im Mittelenglisch-Seminar im letzten Jahr hatte jemand vorgeschlagen, dass die häufige Benutzung von „Medchen“ statt „Mädchen“ doch womöglich Vorbote oder Teil einer neuen Vokalverschiebung sein könnte. Zumindest bei den Teilnehmern dieser Umfrage (die zugegebenermaßen nicht repräsentativ ist) lässt sich diese Theorie eher nicht halten; vielmehr scheint das „Medchen“ eine regionale Erscheinung zu sein, die auf die Hochsprache (oder auch nur die Mehrheit) keinen Einfluss hat.

Wenn du niest und jemand sagt "Gesundheit!", ist das…

… für 78,5 % der Befragten richtig so, wobei davon 14,3 % sogar verärgert wären, wenn niemand etwas sagen würde. Weitere 14,3 % würden es erwarten, wenn Bekannte anwesend wären, fänden es von Wildfremden aber seltsam. Nur zwei Personen empfänden es nicht als positiv; einer wäre es peinlich, dass die Leute auf das Niesen eingehen, während die andere es gar als unhöflich empfindet, dass jemand durch das Wünschen von Gesundheit eine Krankheit impliziert. Bei letzterer Aussage bin ich mir allerdings nicht ganz sicher, da möglicherweise die Antwort dadurch beeinflusst wurde, dass ich blöderweise in der Original-Frage „Entschuldigung“ statt „Gesundheit“ geschrieben hatte.
Übrigens haben 14,3 % trotzdem automatisch „Gesundheit“ gelesen, 14,3 % haben den Fehler bemerkt, sind aber darauf gekommen, dass statt „Entschuldigung“ „Gesundheit“ gemeint sein könnte, und 14,3 % waren vollends verwirrt. Die restlichen 57,1 % hüllen sich in Schweigen, dürften aber (den Antworten nach) ebenfalls entweder „Gesundheit“ gelesen oder sich das zumindest erschlossen haben. ;)

Glaubensfrage! Es ist sieben Uhr morgens am Samstag und die Chomskianer stehen vor deiner Tür. Was sagst du ihnen?

Ah, endlich etwas zum Entspannen!
Stolze 52,9 % reagieren so, wie man als normaler Mensch reagiert, wenn man um 7 Uhr am Samstag Morgen aus dem Bett geklingelt wird: Mit einem volltönenden, überzeugten „Häh?“. 29,4 % sind Mittermeier-geschädigt und würden die armen kleinen Chomskianer auf die gute alte Exorzistenmanier begrüßen, mit Erbensuppe, Horrormusik und farblosen grünen Ideen. Nur 17,7 % kriegen so früh am Morgen überhaupt schon mit, worum es geht, wobei sich 11,8 % bekehren lassen und 5,9 % die Universalgrammatik ablehnen.

Quenya-Glaubensfrage! sule oder þule?

Das Ergebnis dieser Frage erstaunt mich besonders. Ich hätte sowohl für „leidenschaftslos“ als auch für „ihr Tolkienisten seid doch alle wahnsinnig“ mit mehr Stimmen gerechnet. Ein Drittel der Befragten hat jedoch tatsächlich Partei ergriffen, wobei erstaunlicherweise niemand auf Indis’ und Fingolfins Seite steht, sondern alle voll hinter Feanor stehen. Zwei gemäßigte Stimmen geben immerhin zu, dass der alveolare Frikativ schon in Ordnung ist, sie aber aus Prinzip trotzdem für den interdentalen Frikativ sind.
Für die 37,5%, die diese Frage nicht verstanden haben, aber vielleicht neugierig sind: Es gibt tatsächlich eine Fehde um die Aussprache bestimmter Worte im erweiterten Silmarillion, weil ein Großteil der Leute begonnen hat, Worte, die ursprünglich mit þ (also das, was man im modernen Englisch als „th“ kennt) gesprochen wurden, plötzlich mit s auszusprechen (so wie die Deutsche Bahn das grundsätzlich auch tut). Dieser Streit hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich das Volk der Noldor quasi gespalten hat, auch wenn da noch diverse andere Faktoren reinspielen, aber das würde jetzt zu weit führen.
So etwas passiert, wenn Linguisten Fantasy schreiben.


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Ich danke allen Versuchskaninchen Probanden für die Teilnahme und entschuldige mich hiermit für die verspätete und wenig inspirierte Auswertung.

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