Bachelor-Leiden einer Magistrandin
Jan. 18th, 2010 09:02 pmJawoll, ich reg mich über etwas auf, was mich gar nicht betrifft!
Bzw. eher indirekt und nachträglich.
Ich habe heute einen Artikel gelesen, in dem es um den Leidensweg eines Bachelor-Pärchens kurz vor dem Abschluss steht. Die beiden studierten BWL (dazu sag ich im Moment erst mal nichts) und mussten - wenn nicht wichtige Teile ihres Leidensweges aus dem Bericht gekürzt wurden - für ihren Abschluss a) eine "höchstens 40 Seiten" Arbeit schreiben, dafür hatten sie drei Monate Zeit, und b) ein ca halbstündiges Prüfungskolloquium über sich ergehen lassen, in dem sie ihre Arbeit verteidigen mussten. Und danach waren sie BAs.
Ich bin mir sicher, dass das eine schwierige Angelegenheit ist, und dass einen allein die Jagd nach den nötigen Formularen und Unterschriften und dieses total verquere Credit Point-System an den Rand des Wahnsinn treibt. Auch eine 40-seitige Arbeit ist keine triviale Angelegenheit, erst recht nicht, wenn man sich dazu noch mündlich prüfen lassen muss.
Aber irgendwie...
Für meine Zwischenprüfung - ZWISCHENprüfung, keinerlei Abschluss, hätt ich damals mit dem Studium aufgehört oder würde ich jetzt mit dem Studium aufhören, wären alles seit dem Abi für die Katz gewesen - musste ich zugegebenermaßen keine ausführliche Arbeit schreiben. Dafür schreibt man ja in BWL keine Hausarbeiten, sondern sitzt in Klausuren, zu denen man seltsamerweise auch zugelassen wird, wenn man in der dazugehörigen Vorlesung mehr als zweimal oder eigentlich überhaupt immer gefehlt hat. Klausuren hatte ich natürlich auf dem Weg zur Zwischenprüfung weniger, insgesamt elf + 3 mündliche Japanischprüfungen, Anwesenheitspflicht in sämtlichen geprüften Seminaren. Ich nehme an, da hat man als BWLer mehr Klausuren zu bewältigen. Geisteswissenschaftler schreiben halt mehr Hausarbeiten, ich habe im Grundstudium sieben davon geschrieben mit jeweils 8-12 Seiten, von den unzähligen Referaten ganz zu schweigen.
Dafür gab es dann halt für die Zwischenprüfung keine Facharbeit, sondern Klausuren in Anglistik ("Inhalt der Prüfung sind diesmal folgende drei Bücher; müsst ihr alles wissen" + Übersetzung) und Japanisch (mit brauchbaren Vorgaben, gepriesen seien alle Shintô-Götter) sowie eine 45-minütige mündliche Prüfung in Völkerkunde zum Einführungsseminar ("müsst ihr alles wissen") und zwei Proseminaren ("müsst ihr alles wissen").
Mindestens die letztere halte ich für sehr viel schwieriger als eine Verteidigung meines 40-Seiten-Hirnbabies, aber vielleicht bin ich da ja auch nur durch Diskussionen, was an einer Fanfic nun Canon und was AU und was interpretierbares Zwischengeschwurbsel ist, gestählt. Jedenfalls habe ich doch, wenn ich 40 Seiten zu irgendeinem Thema aufs Papier gebracht habe, vermutlich besagtes Thema gründlich durchgekaut (sonst würde das ja keine 3 Monate dauern) und werde also etwas halbwegs Gescheites sagen können, wenn der Prüfer da nachhakt. Denk ich. Immerhin weiß man ja ziemlich genau, welcher Themenbereich abgedeckt wird, im Gegensatz zu so präzisen ZP-Vorgaben wie "The Glass Menagerie" oder "Das südliche Afrika" (ja, genau!).
Und danach war ich dann? Gar nix. Dazu befugt, Seminare des Hauptstudiums zu besuchen und dort Scheine zu machen und in gaaanz weiter Ferne die Magisterprüfung zu sehen (bzw, wenn ich auf Lehramt studiert hätte, die Staatsexamen). Abschluss? Nich doch.
Die Zwischenprüfung war übrigens in der Regelstudienzeit, also jenem realitätsfremden Idealverlauf, an den sich nur Chuck Norris halten kann, für das 4. Fachsemester geplant. Die Bachelorprüfung macht man nach 6.
Und da jammern mir diese beiden BWL-BAs vor, wie hart das Leben sei.
Klar, subjektiv empfunden ist jede Prüfung die Hölle und es gibt immer Leute, die es schwerer haben. Aber es fordern immer alle Verständnis und Gnade für Bachelorstudenten. Ja was ist denn mit ihren Vorgängern? Wir haben - theoretisch - unendlich viel Zeit, das mag wohl sein (oder hatten; da der Magisterabschluss 2014 endgültig ausläuft, gibt es mittlerweile natürlich doch eine Grenze). Solange wir das finanzieren können jedenfalls. Wir sind flexibler und hatten nur Leistungsnachweise, Teilnahmenachweise und (die Lehramtler) QUASTe, kein seltsames Punkte-Gedöns, bei dem nicht einmal die Professoren so recht durchzublicken scheinen. Wir hatten zumindest vom Studienablauf her tatsächlich die Gelegenheit, mal ein Auslandssemester einzuschieben oder ein Praktikum zu machen (wobei mir keiner erzählen kann, dass nicht auch Bakkalauranden Urlaubssemester kriegen würden, wenn's der Bildung dient!).
Einen Abschluss hatten wir nach der ZP trotzdem nicht. Egal, ob wir sie nun nach 4 Semestern gemacht haben oder nach 5 oder 7 oder 11. Da können wir Erfahrungspunkte sammeln, bis wir schwarz werden*.
Im Hauptstudium haben Naturwissenschaftler und Lehramtler es dann viel schwerer als Magistranden, ich weiß, aber dafür haben sie dann am Ende auch einen Abschluss, mit dem sie für Stellen qualifiziert sind, für den Magister nochmal Zusatzqualifikationen erwerben müssten. Ich rede hier aber von einer Prüfung, die weniger anspruchsvoll ist als unsere ZP, aber irgendwie als akademischer Abschluss gehandelt werden soll. Ja hallo?
Da hör ich immer, dass der Bachelor-Abschluss in der Wirtschaft noch nicht ausreichend anerkannt wird. Also ganz ehrlich, wenn ich "die Wirtschaft" wäre, würde ich das auch nicht anerkennen!
Vermutlich tue ich hiermit sämtlichen Geistes-/Sozial-/Naturwissenschafts-Bakkalauranden unrecht, die vielleicht tatsächlich was tun müssen für ihren unterbewerteten Abschluss. BWL war ja noch nie das Fach mit dem höchsten Arbeitsaufwand, obwohl es rätselhafterweise immer wieder als "was Richtiges" betrachtet wird und BWLer auf unsere "brotlosen" Studiengänge ("engagiertes Hobby") gern herabschauen. Ich bin jetzt also vorsichtig und sage nicht: der Bachelor ist lächerlich, sondern nur, der BWL-Bachelor ist lächerlich.
DAS ABER SO RICHTIG!
So muss sich mein Onkel (Chemiker) fühlen, wenn er sich die Doktorarbeit meiner Mutter (Medizinerin) anschaut.
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*An dieser Stelle muss ich aus Gründen der politischen Korrektheit vermutlich anmerken, dass die Redewendung "... bis man schwarz wird" keineswegs rassistisch zu verstehen ist, sondern sich auf die ungesunde Gesichtsfarbe Erhängter bezieht. Die haben dann sozusagen zu lange gewartet. Oder so.