Alphabetische Spitzfindigkeiten
Sep. 8th, 2008 11:02 pmEs mag ja die offizielle Übersetzung sein, aber "Alphabetisierung" find ich eine grausam schlechte Übersetzung für "Literacy".
Nein, ehrlich.
Vielleicht liegt's ja an meinem Japanologie-Studium, aber wenn man "Literacy" als "Alphabetisierung" übersetzt, dann würde man streng genommen sagen, dass z.B. Japaner und Chinesen illiterat wären. Ich meine, alle, nicht bloß die, die tatsächlich nicht lesen können. Weil Hanzi/Kanji kein Alphabet sind.
Bei "literacy" geht's zwar auch um "Buchstaben", aber "literae" sind bedeutungstechnisch eben doch wesentlich weiträumiger als ein "Alphabet". Alphabet sagt man nämlich nur zu rein phonographischen Schriftsymbolen, die also nur einen Laut darstellen und keine eigene Bedeutung haben. "Literae" sind erstmal Schriftzeichen in Allgemeinen. Literat sind auch Leute, die vielleicht grad kein Alphabet, aber dafür ein logographisches System beherrschen. Auch wenn diese Leute dann An-alphabeten sind. Diese Art von An-alphabet kann aber durchaus in der Lage sein, Gesundheitsvorsorge zu betreiben und Bildung zu speichern...
Also ehrlich. Liebe UNESCO, euer Bemühen in allen Ehren, aber dann doch bitte ohne Diskriminierung, eh? SO werdet ihr euren Eurozentrismus-Selbstvorwurf nie los...
Literacy = Schriftlichkeit. Wenn man schon meint, es übersetzen zu müssen, dann kann man's auch gleich ganz übersetzen. Ein lateinisches englisches Wort einzudeutschen, indem man einen griechischen Begriff mit gerade mal ähnlicher Bedeutung nimmt,
Davon mal abgesehen ist "-isierung" ein PROZESS und "-eracy" ein ZUSTAND.
Bah.
*grumpf*
Immer wieder schön, wenn ungenaue Begrifflichkeiten mir eine an sich gute Sache völlig zuwider machen. Mann Mann Mann Mann Mann. Wie hat Napoleon so schön gesagt, dem Menschen wurde die Sprache gegeben, damit er seine Absichten verschleiern kann...
Ich muss mich echt um alles kümmern, oder?
no subject
Date: 2008-09-09 01:06 am (UTC)Der letzte Satz ist der Beste. XD
(Davon abgesehen machst du mir regelmäßig Angst ;))
no subject
Date: 2008-09-09 10:34 am (UTC)Aber meinst du nicht, dass in diesem Zusammenhang andere Aspekte einen Tick wichtiger sind, als recht zu haben und linguistische Spitzfindigkeiten?
no subject
Date: 2008-09-09 06:42 pm (UTC)Zweifelsohne ist die Arbeit, die die UNESCO leisten will, gut und wichtig. Aber gerade in diesem Zusammenhang sollte man nicht vergessen, dass manchmal auch in anderen Richtungen Bildungsbedarf besteht. Beispielsweise in einer Kultur, die offenbar völlig gedankenlos immer noch den eigenen Standard für den einzig gültigen hält. Auch da könnte die UNESCO ansetzen; schließlich hat sie auch einen gewissen Vorbildanspruch.
Bei der Institution selber - die als Bildungs- und Kulturorganisation letztlich ja auch ganz besonders darauf achten sollte, Begriffe richtig zu verwenden - scheinen solche Spitzfindigkeiten jedenfalls hinreichend wichtig zu sein. Und in diesem Zusammenhang finde ich es fast schon oberflächlich, das als Rechthaberei abzutun.